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Leseprobe

Test 5: Dankbarkeit und Respekt

Du bist für Kenny ein Werkzeug, das wird dir noch vor dem Abendessen klar. „Chasch mer gschnäll X“ und „holsch mer no Y“ – am meisten irritiert dich die Art, wie er es sagt: Er schaut dich nicht an, sondern checkt die Umgebung. Er sagt es in harschem Ton; die Sätze klingen nicht, als hätten sie ein Fragezeichen am Ende. Und wenn er nach erledigter Aufgabe „Merci“ sagt (falls überhaupt), wirkt es, als müsse er eine lästige Pflicht erfüllen.
Immer dann, wenn du es fast nicht mehr erträgst, schenkt er dir einen tiefen Blick aus seinen braunen Rehaugen und lächelt, als wäre er die Quelle aller Unschuld. Dir ist dabei klar, dass du manipuliert wirst.
Kenny geniesst den Nachmittag: Er klopft Sprüche mit Peach, startet einen Flirt mit einer Betreuerin namens Marisa und imitiert schelmisch die diversen Dialekte. Du kommst dir vor, als seist du die einzige Person, mit der er sich nicht abgibt.
Kurz vor dem Abendessen sitzt du ohne Kenny in der Lounge in einer gemütlichen Runde. Er lässt sich draussen von Celia ihr Bein-Tattoo erklären. Du erzählst gerade eine lustige Geschichte aus deiner Kindheit, da steuert Kenny durch die Tür, fährt von der Seite auf dich zu und unterbricht dich mitten im Satz, kurz vor der Pointe.
„Chömmer gschnäll is Zimmer ufe. Ich muess vor em Ässe no schiffe.“
Wie gehst du mit der Situation um?

Kommentar 5: Dankbarkeit und Respekt

Hat man einen moralischen Anspruch auf Dankbarkeit, wenn man Assistenz leistet? Das ist umstritten und hängt für viele von den Umständen ab, zum Beispiel, ob man für die Arbeit bezahlt wird. Unbestritten ist aber, dass man nicht respektlos behandelt werden sollte. Kennys Verhalten wird dich darum bestimmt gestört haben.
Tag um Tag für kleinste Handreichungen Assistenz zu benötigen ist etwas, das sich niemand wünscht. Und es ist in so einem Fall schwierig, jedes Mal aufrichtig zu danken, wenn einem jemand hilft. Es wird zur lästigen Routine, ‚Merci‘ sagen zu müssen, und das schlägt sich im Tonfall nieder.
Manchmal schwingt bei der Bitte um Hilfe der Frust mit, dass man aus dem herausgerissen wird, was man tut: Kenny geht offensichtlich gerne auf neue Menschen zu. Er geniesst das Kennenlernen, es vermittelt ihm Freude, Selbstwert und ein Gefühl von Kontrolle über sein Leben. Sobald er aber Assistenz benötigt, so platzt diese Blase. Die positiven Gefühle drohen, verloren zu gehen, und das lässt er an dir aus.
Wenn Kenny dich als Werkzeug betrachtet, so ist das im Grunde genommen nicht falsch – du bist ja da, um ihm zu helfen, damit er selbstbestimmte Ferien erleben kann. Wenn er dich aber wie ein Werkzeug behandelt, dann ist das ein Problem. Vielleicht hast du dich entschieden, es ihm durchgehen zu lassen. Vielleicht hast du aber auch beschlossen, das Problem oben im Zimmer anzusprechen, oder gleich in der Lounge vor Publikum ein Exempel zu statuieren. Es gibt Argumente für alle drei Entscheidungen.
Damit euer Verhältnis im Tandem nicht leidet, sind zwei Dinge zentral: Auf der einen Seite brauchst du Verständnis dafür, wie es sich für ihn anfühlt, auf Hilfe angewiesen zu sein. Auf der anderen Seite musst du Kenny zu passender Zeit begreiflich machen, dass er dich nicht respektlos behandeln darf. Erkläre ihm dies freundlich, aber bestimmt.

© 2026 Martin Hailer

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